Indien_LOG

Marcus Bauer, ehemaliger Praktikant bei respect, berichtet in diesem Blog über seine Eindrücke und Erfahrungen in Indien; mit einem kritischen Blick auf tourismusrelevante Themen und das “globale Dorf”.

Dienstag, 8. April 2008

Beschreibt doch mal euren Alltag

So die vielfach geäußerte Bitte von europäischen Bekannten.

Als ich vor einigen Jahren von meinem ersten Indienaufenthalt zurück kam, lautete der Auftrag ähnlich. Die Südbild-Agentur in Wien war frisch aus der Taufe gehoben worden. Im wuchernden Dschungel der Bildagenturen mit den allgegenwärtigen Horror- und Elendsbildern aus Entwicklungsländern wollte sie eine neue Spezies sein. Ein Pool von Bildern, die den Alltag der Menschen im Süden darstellen. Mein Bildreservoir war groß genug, um einige Alltagsschnappschüsse beizutragen.

Vollbesetzter BusHeute fällt mir die Darstellung des Alltags viel schwerer. Mit jedem Tag schwindet die Exotik und vormals Herausragendes wird „alltäglicher“. Alltäglicher bedeutet aber im Umkehrschluss: weniger bemerkenswert, weniger fotogen, weniger nachrichtentauglich. Ein übervoller Bus mit einem Dutzend Passagiere auf dem Dach hat einen anderen Reiz, wenn man regelmäßig Bestandteil der dichtgepackten Menschmasse ist. Auch die vierköpfige Familie, die mit der Rikscha vom Großeinkauf zurückfährt, taugte vor einigen Monaten noch zum Fotomotiv. Seither war ich mehrfach selbst Mitglied einer solchen Transport-Partie.

Folge ich nun der Bitte und beschreibe meinen Alltag, so muss ich mir überlegen wie.

Eine Möglichkeit ist, dass ich allgemein und nüchtern beschreibe.

„Morgens stehe ich auf, gehe ins Bad, frühstücke, fahre mit dem Fahrrad oder mit dem Bus ins Büro, arbeite, mache Mittagspause, arbeite bis zum Feierabend, fahre heim, erzähle und lese, dann gehe ich schlafen.“

Dieser Text, obwohl er meinen Alltag ziemlich genau widerspiegelt, würde wohl als Einleitung für einen Multiple Choice Test „Wo wohne ich?“ taugen.

Oder ich beschreibe detaillierter, was die Gefahr mit sich bringt, eine Steilvorlage für vergleichende Gesellschaftskritik zu liefern:

„Lautes Hundegebell weckt mich in aller Herrgottsfrühe. Der Boiler im Bad – ohnehin ein nicht selbstverständlicher Luxus – funktioniert nicht, weil der Strom ausgefallen ist. Nach der kalten Dusche ist ein heißer Kaffee eine willkommene Wärmequelle – da ist es auch egal, dass es nur Instant-Kaffee ist. Obwohl ich es erst vor zwei Tagen aus der Inspektion geholt habe, ist der Vorderreifen meines Fahrrades platt, also bleibt nur die Fahrt im überfüllten Bus…“

Der Leser ist immer auch Richter und als solcher legt er Maßstäbe an. Schnell ist dann vergessen, dass man in einigen ländlichen Gebieten Europas froh wäre, überhaupt noch einen regelmäßigen Bus-Service zu haben. Längst ist er dem Individualverkehr geopfert worden. Oder dass ein nächtlicher Stromausfall den Radiowecker von seiner Pflicht befreit hat und deshalb Dusche und Kaffee ganz ausfallen, wie es mir in Wien mehrfach gegangen ist. Hundegebell hätte das verhindern können.

Die dritte Variante ist ein Romantisieren, was dem Leser ein ebenso blauäugiges wie unglaubwürdiges Bild präsentiert:

„Wenn zum Sonnenaufgang die Hunde fröhlich den Morgen begrüßen, fühle ich die tiefe Naturverbundenheit, die mich hier umgibt. Das frische Wasser wurde nur von Mutter Erde erwärmt – keine künstliche Energiequelle, ganz Natur. Wenn ich doch nur die noch immer ausgeprägte Neigung zum Kaffee lassen könnte. Ist ein frisch gebrühter Tee – aus biologischem Landbau in einem der nahegelegenen Gärten – nicht ohnehin ein wesentlich besseres und gesünderes Heißgetränk, um in den Tag zu starten? Ob Fahrrad oder Bus: Beides eignet sich gleichermaßen, um mich in die Lebhaftigkeit und Vielfalt des indischen Alltags zu entführen…“

Kein Lärm, kein Strom, kein Kaffee, kein hektisches Gedränge. Ein glaubhaftes Bild aus dem ländlichen Indien – Modell einsame Waldhütte in Kanada oder Finnland. Ein authentisches Bild gefühlter alltäglicher Wirklichkeit ist es sicherlich nicht. Und die Leser könnten sich veralbert vorkommen; zu Recht.

Bleibt schließlich der einigermaßen gut recherchierte Hintergrundbericht. Aber der bedeutet viel Arbeit. Arbeit, die in der täglichen Informationsflut nicht von allen Lesern gleichermaßen gewürdigt wird:

„Obwohl die Anzahl von freilaufenden Hunden – umgangssprachlich ‘Straßenköter’ – seit Jahren rückläufig ist und die Stadtverwaltung das Problem mit Sterilisierungsprogrammen adressiert, ist es nach wie vor nicht unüblich, morgens von Hundegebell geweckt zu werden. Der stetig steigende Energiebedarf der schnell wachsenden Wirtschaftsmacht Indien ist noch immer nicht ausreichend und flächendeckend im Angebot berücksichtigt. Noch immer zählen Stromausfälle zum Alltag. Hoffnung auf eine regelmäßige heiße Dusche versprechen die vielen Staudammprojekte im Himalaya und der in Verhandlung befindliche Nuklearenergie-Vertrag zwischen Indien und den USA. Mit der schrittweisen Öffnung der Märkte ist zu erwarten, dass sich das Angebot internationaler Spezialitäten weiter verbreitert – ein frisch gebrühter Espresso wäre eine große Bereicherung meines Frühstücks. Frisch gemahlener KaffeeDie großen Instant-Kaffee-Marken haben bereits gute Voraussetzungen für eine weite Akzeptanz beim Verbraucher geschaffen. Täglich werden in Indien x-Tausend neue Fahrzeuge zugelassen und das 100.000-Rupien-Auto macht ‘Auto-Mobilität’ auch für die Mittelschicht immer interessanter. Der rapide Wandel der Verkehrslandschaft wird sich vermutlich in zweierlei Hinsicht auswirken: Für den öffentlichen Personentransport ist duch den zunehmenden Individualverkehr eine deutliche Entlastung zu erwarten. Die Zeiten dicht gedrängter Busfahrten sehen ihrem Ende entgegen. Andererseits wird es durch die zunehmende Verkehrsdichte zu neuen Problemen kommen – Feinstaub, CO2-Emissionen, Staus. Soll das Fahrrad, das in Indien noch viel zu oft mit Armut und als billiges Transportmittel mangels erschwinglicher Alternative angesehen wird, nicht komplett dem motorisierten Verkehr geopfert werden, ist der Auf- und Ausbau einer alternativen Infrastruktur in Form von Radwegen unabdingbar…“

Nach diesem recht langen Text bin ich noch nicht einmal im Büro angelangt. Die Beschreibung der indischen Arbeitswelt, der üblichen Mittagspausengestaltung, des Speisenangebots etc. würde auch nach vielen Seiten nur oberflächlich die Wirklichkeit reflektieren. Realität ist komplex und ihre Beschreibung immer subjektiv. Bestenfalls intersubjektiv.

Schon die Themenauswahl ist eine Wertung. Langeweile, Überforderung oder das Hinterfragen der jounalistischen Qualität – die Lesermeinungen werden sich spalten. Mein Alltag ist nicht dein Alltag. Also wähle ich als Alternative den Schnappschuss, im Idealfall das Streiflicht. Interessante Themen, die sich als klassische Nachricht nicht qualifizieren – keine Prominenten, keine direkte drängende Aktualität, kein breitentaugliches Interesse. Das ganze in greifbarem Umfang – dieser Text soll der längste bleiben. Eine lose Kombination aus Unterhaltung, Banalität und Hintergrundbericht. Ohne Furcht vor unangenehmen Themen. Und mit einem Fragezeichen, das zum Nachdenken und zur Diskussion einlädt.

Wer eine bessere Idee hat, soll erst mal seinen Alltag beschreiben.

Stadt, Land, Fluss - Kalkutta und die Sunderbans

NaN #5 SadhusLeicht verspätet zum Karneval ein Gruß nach Köln. Die quirlige Rheinmetropole ist nicht eben bekannt als Raum der Stille und Einsamkeit. Im Vergleich mit Kalkutta ist sie – mal abgesehen von der Karnevalszeit – ein Naherholungsgebiet. Die Bevölkerungsdichte der indischen Mega-City ist zehnmal höher als die der Stadt am Rhein. Diese Konzentration an Menschen hat ausgesprochen angenehme Auswirkungen. Es gibt viel Kultur, viel zu beobachten, viel zu erleben.

In der College-Street umranden Buchstände einen Park stattlichen Ausmaßes. Die Stände sind klein und die Bücher sind gestapelt vom Verkaufstisch bis unter das Ladendach. Es gibt Spezialstände für allerhand Fachrichtungen und was der eine nicht anbieten kann das hat vielleicht ein anderer. So wandert man von Auslage zu Auslage, die Frage wie sich die vielen Stände nebeneinander seit Jahrzehnten behaupten immer im Hinterkopf. Zum Nachsinnieren bietet sich ein Besuch im Kaffeehaus der indischen Kaffeearbeiter-Gewerkschaft an. Dort sind große Gedanken eine feste Einrichtung. Es wird geraucht, Kaffee wird geschlürft und Häppchen geknabbert – die bengalische Intelligenz, vor allem aber Studenten, geben sich hier die Klinke in die Hand. Im männlich geprägten Philosophen-Ambietente springen die wenigen Frauen direkt ins Auge.

In 51 Teile wurde die Göttin Kali dereinst zerschmettert und eine ihrer Zehen ist im Süden der heutigen Stadt gelandet. Ein Tempel ihr zu Ehren ist Mittelpunkt des Stadtteils Kalighat. Zu Hunderten strömen täglich ihre Anhänger die kleine Straße entlang. Ausländer werden bereits kurz nach der Metrostation von eher scheinheiligen Fremdenführern umlagert, die aufdringlich ihre Unterstützung beim Tempelbesuch anbieten. Vor dem Tempel liegt ein Teppich von Bettlern beiderlei Geschlechts und jedweden Alters. Soziale Mildtätigkeit und geistige Erhellung scheinen ein untrennbares Paar – direkt neben dem Tempel befindet sich eine Zweigstelle der Mission, die von Mutter Theresa gegründet wurde. NaN #5 Street homeEtwas abseits vor einem Hauseingang kitzelt eine Mutter ihren Säugling, sodass dieser vor Freude juchzt. Momente des Glücks in einem Zuhause ohne Dach.

Die negativen Seiten kann Kalkutta nur schwer vor seinen Besuchern verstecken. Viel Müll, viel Lärm, viel Gedränge auf dem Bürgersteig, die Stadt ist vor allem eines: Viel – von allem. Richtig bewusst wird einem dies, wenn man die Stadt Richtung Süden, gen Meer, verlässt.

Die Landschaft wird weitläufiger, die Häuser kleiner. Auch hier leben die Menschen in den wenigen Dörfern und Kleinstädten dicht gedrängt und das Auto kann sich nur im Schritt-Tempo durch die Massen kämpfen. Aber die Ansiedlungen reihen sich nicht nahtlos aneinander wie in Kalkutta. Reisfelder, Shrimp-Farmen und Fabriken prägen das Gebiet. Die Sumpfgebiete, die heute in und unmittelbar um die Stadt herum mit großem Aufwand zu wertvollem Bauland für Wohnprojekte trockengelegt werden, sind hier Lebensgrundlage. Der ausgegrabene Schlamm wird zu Backsteinen verarbeitet, die entstandenen Löcher geflutet und mit Krabben-Laich bestückt.

In Sonakhali endet die Fahrt an einem Bootsanleger. Die Sunderbans sind eine Inselwelt, Autos sind hier selten. NaN #5 - Prawn seed trawlingAuf dem Weg flußabwärts kann man die Rohstoffproduktion der Krabbenfarmen beobachten. Frauen waten knietief im Wasser und ziehen feine Netze hinter sich her. Ein ebenso beschwerlicher wie gefährlicher Lebensunterhalt, Hai- und Krokodilattacken sind keine Seltenheit. Im Nationalpark Sunderbans sind die Krokodile eine der Hauptsehenswürdigkeiten. Nach deren Sichtung ist der Anblick von Rehen und Wildschweinen eine Attraktion zweiter Klasse. Der Tiger wird das anders sehen, stellen diese doch seine wichtigste Nahrungsquelle dar. Sein Revier sind die undurchdringlichen Mangrovenwälder – ein Revier das keines ist, weil mit jeder Flut seine Markierugen weggewaschen werden. NaN #5 - Tiger ReserveDer König von Bengalen ist ein rastloser Wanderer und man trifft ihn nur selten, obwohl kein anderer Nationalpark so viele Exemplare verzeichnet. Verloren in der Ruhe und Weite der menschenfeindlichen Welt der Sunderbans verblasst langsam die Anspannung des Großstadtbesuches.

Unterhaltung bietet die alljährliche Mela. Auf dem Dorfplatz versammeln sich am Abend die Bewohner der nahegelegenen Dörfer, um Tanzaufführungen und Gesangsdarbietungen zu bestaunen, die von Schulkindern und engagierten Volkskünstlern auf die Bühne gebracht werden. Dem Abendprogramm geht während des Tages ein Sport- Spielprogramm voraus. NaN #5 - Men sportsMänner in Lendenschurz treten im Wettstreit gegeneinander an, die Regeln des Spieles erinnern an das englische Rugby allerdings ohne Ball. Die Frauen messen sich in einer Mischung aus Rennen und Geschicklichkeit, es gilt auf halber Strecke einen Faden durch ein Nadelöhr zu bringen. Die Jugendlichen üben sich in Weitsprung und Kugelstoßen.

Das Leben scheint fröhlich, und wenn auch einfach, so bestimmt nicht leicht. Langsam fast verschämt scheint die Gegend am wirtschaftlichen Aufschwung Indiens teilhaben zu dürfen. Die Deiche werden befestigt und die schmalen mit Backsteinen gepflasterten Straßen werden verbreitert. Einem Anachronismus gleich durchschneidet ein Motorrad die Beschaulichkeit des ländlichen Lebens. Vielleicht war es die Klima-Debatte, die dem riesigen Flußdelta zu mehr Aufmerksamkeit verholfen hat. Ganze Inseln seien verschwunden, so wurde berichtet. Aber auch von Landerweiterungen durch Aufforstungsprogramme ist zu hören. Die Sunderbans sind im Wandel. Wie anders die Welt sein kann wird einem spätestens bewusst, wenn man wieder die Straßen Kalkuttas betritt.

Die Bundeszentrale für Politische Bildung hat einen sehr feinen Artikel über Kalkutta veröffentlicht.

Montag, 7. April 2008

Siliguri – Riesendorf und lebhafter Baumarkt?

Die größte Stadt im Norden Bengalens ist den meisten Reiseführern nur ein paar Zeilen wert. Die Tipps erschöpfen sich weitgehend in Hinweisen zum Ankommen und dem schnell wieder Wegkommen. Und tatsächlich ist Siliguri hauptsächlich als Drehkreuz von Interesse – zumindest für Erholungsreisende.
Nachdem die Engländer in Darjeeling eine willkommene Sommerfrische gefunden hatten, gewann die Ansiedlung am Fuße des Osthimalaya an Bedeutung. Hier kamen die Reisenden aus Kalkutta an und von hier ging es weiter zur “Königin der Hill-Stations”. Die Hill-Cart Road, nach wie vor eine Lebenslinie der Stadt, verdankt ihren Namen den Ochsen- und Pferdekarren, die von hier gen Gebirge fuhren. Später wurden mit gewaltigem Aufwand Gleise bergan verlegt, die Geburtsstunde der Darjeeling Himalayan Railways. Aber die Kolonialherren brachten nicht nur die Eisenbahn. Um das Tee-Monopol der Chinesen zu brechen wurden große Gebiete um Siliguri mit Tee bepflanzt. Aus den dafür gerodeten Waldgebieten kam ausreichend Nachschub für einen dritten Wirtschaftszweig – Holz. Und so verdankt Siliguri sein Wachstum drei T´s: Trains, Tea und Timber – Zügen, Tee und Holz.

Strasse in SiliguriBis heute zieht die Aussicht auf ein gutes Geschäft Menschen aus Nah und Fern an. Der Holzeinschlag wurde mittlerweile in vielen Gebieten dem Naturschutz untergeordnet, und die Tee-Industrie trauert besseren Zeiten nach – viele Gärten mussten geschlossen werden. Der Bahnhof von Siliguri ist von nachrangigem Interesse, seit im nahegelegenen Jalpaiguri-Distrikt ein neuer Knotenpunkt entstanden ist. Heute verdankt die Stadt ihre ungebremste Anziehungskraft vor allem ihrer Lage. Nepal, Bhutan und Bangladesh sind nur wenige Kilometer entfernt. Der komplette Nordosten Indiens mit sieben Bundesstaaten wird über einen schmalen Korridor versorgt, den Trichter von Siliguri. Zudem ist die Stadt Hauptversorgungspunkt für die Bergregionen Ostindiens. Und so fühlt man sich in Siliguri oftmals als befinde man sich in einem riesigen Baumarkt.

An den Reisenden, die zuhauf per Zug am Bahnhof New Jalpaiguri oder per Flug im Nachbarort Bagdogra ankommen, fliegen die vielen Geschäfte meist als Kulisse auf dem Weg in die Berge oder die Ebenen der Dooars vorbei. Betten, Badarmaturen, Baumaterialien und Bohrmaschinen sind als Souvenirs ungeeignet, aber dafür von umso größerem Interesse für die stetig wachsende Bevölkerung aus den Himalaya-Dörfern. Fast 500.000 Einwohner versuchen laut offizieller Statistik ein Stück vom “Wirtschaftskuchen” abzubekommen. Und neben der Tatsache, dass Siliguri hervorragend gelegen und als Fahrradstadt wesentlich geeigneter ist als Kalkutta, war es auch diese Dynamik, die uns vor einigen Monaten hierher verschlagen hat.